Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Diese Gruppe behandelt alle Themen, die mit der Vernetzung von
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Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon maurice bonnet » Mi 25. Aug 2010, 03:47


Dirk Wagner wrote:
Eine mir bekannte Lehrerin an einer Realschule sagte kürzlich, dass bei
den heutigen Jugendlichen dieses Chat- und SMS Geschreibsel auch in
Schulaufsätzen zu finden sei.

Wenn du damit das Ignorieren der Groß-/Kleinschreibng meinst, ist das
auch inzwischen am Gymnasium angekommen. Mir stellt sich da die Frage,
ob "unsere" Generation (aus dem Stehgreif Ü35-Ü40 - ohne das allein auf
das Alter reduzieren zu wollen) sich einfach einem (Wort- und)
Schriftwandel gegenüber sperrt. Wort und Schrift dienen ja der
Verständigung; und wenn unsere Jugend da heute ihren eigenen Stil
entwickelt, mit dem sie das kommunizieren kann, was für sie nötig ist,
dann ist dieser Stil wohl gerechtfertigt - zumal ein Wandel ja auch
immer mit Effektivität verbunden war.

Aber: klar; Groß-/Kleinschreibung erleichtert das Lesen hinsichtlich
Bedeutungsinterpretation, manchmal wird die Bedeutung ja erst durch die
Unterscheidung von Groß-/Kleinschreibung deutlich. Wer - schneller Mike
- kann mir ohne Groß-/Kleinschreibung sagen, was ich mit "ich habe liebe
genossen" sagen möchte (ein Beispiel, das fast jeden Pupertierenden in
der Schule von der Notwendigkeit der Unterscheidung von
Groß-/Kleinschreibung überzeugt :-) )?

Und deshalb habe ich - als Lehrer - zwar durchaus Verständnis, dass ein
Wandel statt findet, sehe aber auch - täglich -, dass eine inhaltliche
Verarmung durch dieses Chat- SMS-Geschreibsel einhergeht. Die
Missachtung von Groß-/Kleinschreibung ist da ein kleiner Mosaikstein.
Die Fähigkeit, eigene Gedanken zum Ausdruck zu bringen, lässt deutlich
nach.

Und letztendlich ein schwergewichtiges Argument: der Mensch als
Kulturwesen sollte in der Lage sein, ihm von vorausgegangenen
Generationen Übermitteltes zu verstehen (was ich auch täglich erleben
darf, dass es Schülern zunehmend schwerer fällt, "klassische" Texte zu
verstehen).

Dass wir (siehe oben) uns gegen einen Wandel sperren, ist klar. Aber
dass wir auf eine gemeinsame Kommunikationsbasis pochen, die es auch
ermöglicht, wichtige Bedeutungsinhalte aus der Vergangenheit und
Gegenwart zu erfassen und wir die Möglichkeit haben, von Jugendlichen
Verfasstes aufzunehmen, legitimiert das Einfordern von Wort und Schrift
nach einem Standard (insofern auch Anhänger einer wie auch immer
gearteteten Rechtschreibung).

In ein paar Jahren wird wohl das heutige Schriftdeutsch abgelöst sein -
ausgelöst durch eine Kommunikationstechnik. Vielleicht wird es sogar
ähnlich wie bei Latein und Grieschich nur für einen relativ kleinen
Kreis noch möglich sein, einen Blick in vergangene Literatur zu werfen.

Und insofern ...
Armes Deutschland...

Schüler lächeln nur müde, wenn immer noch ein Großteil unserer
Generation mit Begriffen wie ICQ, Facebook, dissen, LOL nichts
anzufangen weiß und sie denken sicherlich: armes Deutschland.

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass ich nicht diesen
SMS-Chat-Schreibstil verteidigen möchte. Nur erlebe ich es leider viel
zu oft, dass jemand sich diesbezüglich wahnsinnig aufregt, ohne sich
selbst einen Zentimeter zu bewegen.

Grüße

Maurice

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maurice bonnet
 
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon maurice bonnet » Mi 25. Aug 2010, 21:45


Eigenkommentar
Follow-up nach dcsm.soc gesetzt

Da ging wohl was schief ... Sorry.

Maurice
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon mike nolte » Do 26. Aug 2010, 05:33


Maurice Bonnet wrote:
Wer - schneller Mike - kann mir ohne Groß-/Kleinschreibung sagen, was ich
mit "ich habe liebe genossen" sagen möchte (ein Beispiel, das fast jeden
Pupertierenden in der Schule von der Notwendigkeit der Unterscheidung von
Groß-/Kleinschreibung überzeugt :-) )?

Wobei ich in diesem Fall vermute, dass selbst die Gebildeteren zunächst
nur auf die beiden offensichtlicheren der drei möglichen Deutungen
kämen.

Ich habe Liebe genossen.
Ich habe liebe Genossen.
Ich habe Liebe, Genossen.

Die dritte mögliche Deutung ergibt sich daraus, dass man bei fehlenden
Kentnissen der Rechtschreibung auch fehlende Kenntnisse der
Zeichensetzung als Möglichkeit in Betracht ziehen darf.

Womit wir auch schon bei einer Ähnlichkeit zur Softwareentwicklung sind,
denn die Erfahrung zeigt, dass Software mit miesem Interface (Vulgo:
Verstöße gegen die Apple Human Interface Guidelines) meist auch
konzeptionelle oder algorithmische Fehler birgt. Das äußert sich auch
bei SOHO-Routern, deren Interface oft genau so grottig

Mit besten Grüßen,
Mike Nolte

PS: Der "schnelle" nennt sich "Mik", ich bin Mike.
PPS: Die Nachricht zog meine Aufmerksamkeit auf sich wegen der
Subject-Wechsels, nicht wegen der enthaltenen Kombination aus "Mike" und
"Standard". :-)
--
E-Mail an news.0902@mikenolte.de wird nur zugestellt, wenn die
Betreffzeile "Usenetartikel" ohne Anführungszeichen lautet.
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon basar alabay » Do 26. Aug 2010, 06:42


In article <1jnti9q.cqcehw1wfypjwN@www.mike-nolte.de>,
news.0902@mikenolte.de (Mike Nolte) wrote:
Ich habe Liebe genossen.
Ich habe liebe Genossen.
Ich habe Liebe, Genossen.

Es gibt auch noch "ich habe, liebe Genossen" ;-)
So auf die Frage, ey Alda, hasse oda hasse nich hier so
ey?


B. Alabay
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon patrick m. hausen » Do 26. Aug 2010, 10:13


Hallo,

Maurice Bonnet wrote:
In ein paar Jahren wird wohl das heutige Schriftdeutsch abgelöst sein -
ausgelöst durch eine Kommunikationstechnik. Vielleicht wird es sogar
ähnlich wie bei Latein und Grieschich nur für einen relativ kleinen
Kreis noch möglich sein, einen Blick in vergangene Literatur zu werfen.

Wenn ich richtig informiert bin - ich habe mit Japanisch gerade
erst angefangen - ist das den Japanern bereits passiert.

Schriften aus dem 19. Jahrhundert und früher sind modernen
Japanern angeblich oft komplett unverständlich.
Sie kennen "altmodische" Wörter und Kanji schlich nicht mehr.

Und das ist ja jetzt nicht so richtig lange her. Mit einem
150 Jahre alten Deutschen Text habe ich zumindest keinerlei
Probleme.

Gruß,
Patrick
--
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon mike nolte » Do 26. Aug 2010, 11:20


Basar Alabay wrote:
Es gibt auch noch "ich habe, liebe Genossen" ;-)

Stimmt. Es war noch zu früh am Morgen.

Mit besten Grüßen,
Mike Nolte
--
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon daniel k�ebs » Do 26. Aug 2010, 13:44


Patrick M. Hausen wrote:
Und das ist ja jetzt nicht so richtig lange her. Mit einem
150 Jahre alten Deutschen Text habe ich zumindest keinerlei
Probleme.

Bei 340 Jahren ist es schon schwieriger.
Daniel
--
"Pff, Köln ist eh das Microsoft unter den deutschen Städten.
Der Kölner hört von irgendwelchen unbekannten Konzepten (z.B.
Bier oder Humor), versteht sie nicht, kopiert sie aber dennoch."
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon patrick m. hausen » Do 26. Aug 2010, 15:33


Hallo,

Daniel K®ebs wrote:
Patrick M. Hausen wrote:
Und das ist ja jetzt nicht so richtig lange her. Mit einem
150 Jahre alten Deutschen Text habe ich zumindest keinerlei
Probleme.

Bei 340 Jahren ist es schon schwieriger.

Zufall, dass das ziemlich genau die Erstveröffentlichung von
Grimmelshausens Simplicissimus trifft?

Und was ist an dem für einen modernen Deutschsprachigen Leser
jetzt unverständlich? Klar stockt man ab und zu mal, aber
doch nicht wirklich oft.
Mittelhochdeutsch ist natürlich was anderes.

Beim Japanischen ist aber wohl die Krux, dass man um die
Jahrhundertwende 19./20. eigentlich auch schon modernes
Japanisch sprach und schrieb. Allein die Vokabeln sind
modernen Japanern abhanden gekommen - so sagte man mir.

Originaltexte z.B. von Kano Jigoro oder Ueshiba Morihei
oder Funakoshi Gichin werden damit zunehmend unzugänglicher ...

Gruß,
Patrick
--
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon basar alabay » Do 26. Aug 2010, 18:26


In article ,
"Patrick M. Hausen" wrote:
Bei 340 Jahren ist es schon schwieriger.

Zufall, dass das ziemlich genau die Erstveröffentlichung von
Grimmelshausens Simplicissimus trifft?

Und was ist an dem für einen modernen Deutschsprachigen Leser
jetzt unverständlich?

Also, ich komme mit den Texten von Luther hier im Archiv sehr gut klar,
es macht immer wieder Spaß, sie zu entziffern und zu verstehen.
Beim Japanischen ist aber wohl die Krux, dass man um die
Jahrhundertwende 19./20. eigentlich auch schon modernes
Japanisch sprach und schrieb. Allein die Vokabeln sind
modernen Japanern abhanden gekommen - so sagte man mir.

Originaltexte z.B. von Kano Jigoro oder Ueshiba Morihei
oder Funakoshi Gichin werden damit zunehmend unzugänglicher ...

Ich weiß nicht, ob das jetzt so gut zu vergleichen ist, oder ob man da
Japaner oder zumindest ausgewiesener Japan-Experte sein sollte.

Im Türkischen ist es auch für einen "Normalos" völlig unmöglich, einen
Text zu lesen, der knapp 90 Jahre alt ist ... erstens wurde die Schrift
vom Osmanisch-Persischen auf Lateinisch umgestellt und zweitens
verändert sich die Sprache sowas von rapide und eklatant, daß eigentlich
schon ein Text aus den 1960'ern einen durchschnittlich gebildeten
Menschen extrem fordert. Das liegt aber daran, daß Arabisch und Persisch
als zwei miteinander und mit dem Türkischen völlig unverwandte Sprachen
fast schon zu jeweils 1/3 "Türkisch" (jetzt nennt man das oft
retrospektiv "Osmanisch") ausgemacht haben. Und das wurde ja nicht in
den 1920'er Jahren per Schalter umgelegt ... das ist ein Sprachkontinuum
(wenn man das jetzt hier so nennen darf). Wer wirklich (!) türkisch
kann, der kann in Sibirien, in Zentralasien, in der Mongolei ... also an
verdammt vielen Stellen, ohne Probleme verstehen, was die Bevölkerung
spricht. Aber kann das jeder "Türke"? Wohl eher nicht.

Und das ist mit deutschen Verhältnissen nicht vergleichbar. Womöglich
ist das für Japan (und übrigens auch für Korea ...) ähnlich.

B. Alabay
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Re: Rechtfertigung nach Standards in Wort und Schrift

Ungelesener Beitragvon patrick kormann » Do 26. Aug 2010, 23:09


On 26.08.10 06:33, Mike Nolte wrote:
Ich habe Liebe genossen.
Ich habe liebe Genossen.
Ich habe Liebe, Genossen.

Kann man leicht umgehen, wie in jeder anderen Sprache auch. Ausserdem
dürfte es aus dem Zusammenhang klar werden. Ich finde Texte ohne
Gross/Kleinschreibung überhaupt nicht schwerer zu lesen/verstehen.
Das gleiche Argument wird ja wegen dem sz vorgebracht und ich kann euch
versichern, in der Schweiz vermisst es keine Sau.
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