Dirk Wagner wrote:
Eine mir bekannte Lehrerin an einer Realschule sagte kürzlich, dass bei
den heutigen Jugendlichen dieses Chat- und SMS Geschreibsel auch in
Schulaufsätzen zu finden sei.
Wenn du damit das Ignorieren der Groß-/Kleinschreibng meinst, ist das
auch inzwischen am Gymnasium angekommen. Mir stellt sich da die Frage,
ob "unsere" Generation (aus dem Stehgreif Ü35-Ü40 - ohne das allein auf
das Alter reduzieren zu wollen) sich einfach einem (Wort- und)
Schriftwandel gegenüber sperrt. Wort und Schrift dienen ja der
Verständigung; und wenn unsere Jugend da heute ihren eigenen Stil
entwickelt, mit dem sie das kommunizieren kann, was für sie nötig ist,
dann ist dieser Stil wohl gerechtfertigt - zumal ein Wandel ja auch
immer mit Effektivität verbunden war.
Aber: klar; Groß-/Kleinschreibung erleichtert das Lesen hinsichtlich
Bedeutungsinterpretation, manchmal wird die Bedeutung ja erst durch die
Unterscheidung von Groß-/Kleinschreibung deutlich. Wer - schneller Mike
- kann mir ohne Groß-/Kleinschreibung sagen, was ich mit "ich habe liebe
genossen" sagen möchte (ein Beispiel, das fast jeden Pupertierenden in
der Schule von der Notwendigkeit der Unterscheidung von
Groß-/Kleinschreibung überzeugt :-) )?
Und deshalb habe ich - als Lehrer - zwar durchaus Verständnis, dass ein
Wandel statt findet, sehe aber auch - täglich -, dass eine inhaltliche
Verarmung durch dieses Chat- SMS-Geschreibsel einhergeht. Die
Missachtung von Groß-/Kleinschreibung ist da ein kleiner Mosaikstein.
Die Fähigkeit, eigene Gedanken zum Ausdruck zu bringen, lässt deutlich
nach.
Und letztendlich ein schwergewichtiges Argument: der Mensch als
Kulturwesen sollte in der Lage sein, ihm von vorausgegangenen
Generationen Übermitteltes zu verstehen (was ich auch täglich erleben
darf, dass es Schülern zunehmend schwerer fällt, "klassische" Texte zu
verstehen).
Dass wir (siehe oben) uns gegen einen Wandel sperren, ist klar. Aber
dass wir auf eine gemeinsame Kommunikationsbasis pochen, die es auch
ermöglicht, wichtige Bedeutungsinhalte aus der Vergangenheit und
Gegenwart zu erfassen und wir die Möglichkeit haben, von Jugendlichen
Verfasstes aufzunehmen, legitimiert das Einfordern von Wort und Schrift
nach einem Standard (insofern auch Anhänger einer wie auch immer
gearteteten Rechtschreibung).
In ein paar Jahren wird wohl das heutige Schriftdeutsch abgelöst sein -
ausgelöst durch eine Kommunikationstechnik. Vielleicht wird es sogar
ähnlich wie bei Latein und Grieschich nur für einen relativ kleinen
Kreis noch möglich sein, einen Blick in vergangene Literatur zu werfen.
Und insofern ...
Armes Deutschland...
Schüler lächeln nur müde, wenn immer noch ein Großteil unserer
Generation mit Begriffen wie ICQ, Facebook, dissen, LOL nichts
anzufangen weiß und sie denken sicherlich: armes Deutschland.
Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass ich nicht diesen
SMS-Chat-Schreibstil verteidigen möchte. Nur erlebe ich es leider viel
zu oft, dass jemand sich diesbezüglich wahnsinnig aufregt, ohne sich
selbst einen Zentimeter zu bewegen.
Grüße
Maurice
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